Flugzeug Tragfläche Taxiway Rollbahn Blick aus Fenster

Kolumne: Müssen wir aufhören zu reisen?

Nachhaltigkeit, Flugscham, ökologischer Fußabdruck, CO²-Ausstoss – wenn ich in der letzten Zeit Artikel zum Thema Reisen lese, geht es immer mehr um das Nicht-Reisen als um das Reisen an sich. Fernreisen sind schon mal grundsätzlich des Teufels, denn wenn man nicht gerade die Zeit oder die Waden hat, per Rad oder zu Fuß auf Weltreise zu gehen, muss man wohl oder übel ein Flugzeug besteigen. Und das ist die derzeit schändlichste Reiseform überhaupt.

Wie schlimm ist Fliegen wirklich?

Ich weiß nicht, ob Fliegen wirklich schlimmer ist als alle Kohlekraftwerke Deutschlands zusammen und ob unsere immer wieder neuen Maßnahmen, die wir in unserer täglichen Arbeit an Bord eingeführt haben, das irgendwie mildern. Keine Ahnung. Ich bin keine Wissenschaftlerin. Ich lebe als Flugbegleiterin seit 19 Jahren in direkter Form davon, dass Menschen in Flugzeuge steigen und ich würde mich freuen, wenn mindestens nochmal 19 Jahre dazukommen. Denn ich mag meinen Beruf und meinen Arbeitsplatz sehr, CO² hin oder her. Manchmal fahre ich privat Zug, weil ich diese Form des Reisens sehr entspannend finde, auch wenn viel über die Deutsche Bahn geschimpft wird und ich der Meinung bin, dass vor allem im Bereich Freundlichkeit und Kundenorientierung dringend eine neue Ausrichtung her müsste. Ein Auto habe ich schon seit 10 Jahren nicht mehr. Beides nicht aus Klimagründen, aber wenn wir schon mal dabei sind: Der niedrige CO²-Ausstoss ist ein für die Umwelt praktischer Nebeneffekt.

Eigentlich ist es wie mit dem Fliegen: Zu Hause bleiben schont das Klima. Aber müssen wir deswegen aufhören zu reisen?

sonnenuntergang flugzeug fenster

Reisen als Lebensentwurf: Müssen wir unsere Träume neu denken?

Als kleines Mädchen habe ich sehnsüchtig davon geträumt, irgendwann einmal durch die Welt reisen zu können. Schon eine Reise zu unserer Familie in Brasilien war außerhalb unserer Möglichkeiten, an andere Fernreisen war gar nicht zu denken. Damals war ich sicher, dass ein Leben voller Reisen immer ein Traum bleiben würde – das Geld war knapp und das Leben zu Hause schwierig genug. Bis in die weite Ferne würde ich es nie schaffen. Vielleicht irgendwann zumindest nach Brasilien, um meine Wurzeln kennenzulernen, dachte ich, und schwelgte in meinen Träumen wie in einem kitschigen Disney-Film.

Was bringt uns das Reisen überhaupt noch?

Jahrzehnte später hat dieses kleine Mädchen, also ich, nicht nur ihre Wurzeln in Brasilien ausgiebig erforschen können, sondern auch 57 andere Länder bereist. Andere würden sagen, ich hätte die Welt gesehen, aber für mich fühlt es sich an, als wäre es erst der Anfang. Mit jeder Reise und jeder neuen Destination wird meine Neugier auf fremde Länder und andere Kulturen größer, ich will noch mehr lernen, noch mehr verstehen, noch mehr aus erster Hand wissen. Das Reisen, privat und beruflich, hat mir vieles gezeigt: Atemberaubende Landschaften, aufregende Städte und herzliche Menschen. Aber mich auch einiges gelehrt: Mut, Bescheidenheit, Toleranz – alles Eigenschaften, von denen ich in jugendlicher Naivität immer dachte, ich besäße sie längst. Doch jede einzelne Reise belehrt mich immer wieder eines besseren, je weiter weg, umso intensiver.

Verantwortung als Reiseblogger?

Auch wenn das Fliegen mittlerweile viel erschwinglicher geworden ist: Es gibt noch viele kleine Mädchen und Jungs da draußen. Ich möchte nicht diejenige sein, die anderen die Freude am Reisen verwehrt und die Möglichkeit nimmt, sich seine Reiseträume zu erfüllen, seinen Wissendurst zu stillen, sich vor Ort mit anderen Kulturkreisen auseinanderzusetzen. Obwohl Nachhaltigkeit und CO²-Reduktion gerade ein großes Thema unter Reisebloggern wie mir sind. Reisen bildet, davon bin ich überzeugt. Aber mich bewegt auch anderes: Wenn niemand mehr den Weg in die weite Ferne wagt, wie klein wird dann unsere Welt? Und wer bin ich, zu urteilen, wer wieviel Mal pro Jahr oder Jahrzehnt unter Zuhilfenahme diverser CO²-Ausgleichszahlungen dann doch noch eine Fernreise unternehmen darf?

Ich bin keine moralische Instanz. Ich bin nur Flugbegleiterin mit einem Reiseblog, einer Familie, die über die ganze Welt verstreut ist und einer immer noch unbändigen Lust zu reisen.

Musste irgendwie mal gesagt werden.

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  1. Sehr emotional und zum Nachdenken anregend, liebe Tati.
    Wie klein würde unsere Welt ohne das Reisen? Es gibt hier einfach nicht schwarz oder weiß.
    Manchmal müssen wir es einfach nur bewusster tun.
    Liebe Grüße
    Claudia

    1. Danke für deinen Kommentar ❤ Ich habe einfach generell eine Abneigung gegen erhobene Zeigefinger entwickelt – und habe keine Lust, mich daran zu beteiligen. Schwarzweiß-Denken ist mittlerweile viel zu weit verbreitet, nicht nur bei diesem Thema.
      Liebe Grüße zurück!
      Tati

  2. Liebe Tatiana,
    vielen Dank für diesen tollen Kommentar. Du sprichst mir aus der Seele. Diesen erhobene Zeigefinger und dieses Schwarz-Weiß-Denken finde ich auch extrem bedenklich. Vor allem bei Menschen, die selbst schon fast alles gesehen habe, finde ich es krass, wenn sie nun anderen genau das verbieten wollen. Mal abgesehen davon, dass es den Menschen in vielen Regionen ohne Tourismus noch erheblich schlechter gehen würde.
    Liebe Grüße
    Martina

    1. Hey Martina,
      es beruhigt mich, dass du ähnlich denkst. Manchmal ist die eigene Blase so klein, dass es mir vorkommt, als gehe es vor allem unter Reisebloggern gerade nur in eine Richtung. Und wie du sagst: Es ist ein Leichtes, Reisen nun verwerflich zu finden, wenn man schon viel von der Welt gesehen hat.
      Liebe Grüße,
      Tatiana

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