Mit Religion habe ich so gar nichts am Hut. Auch, seitdem ein Großteil meiner brasilianischen Familie sich immer intensiver mit dem Thema beschäftigt und die eigene Religion mittlerweile allgegenwärtig ist. Das stört mich sehr und bietet immer öfter Nährboden für Konflikte innerhalb unserer Familie, weil jeder insgeheim denkt, sein Glaube wäre der einzig wahre. Eine Entwicklung, die so in vielen Bereichen in Brasilien gerade stattfindet – und manchmal mache ich mir Sorgen, ob dieser Religionswahn sich nicht irgendwann zum Schlechten wenden wird. Vielleicht war die Reise nach Jerusalem deswegen so intensiv für mich.

Oder meine Reise stand einfach nicht unter einem guten Stern. Ich flog von Berlin aus direkt nach Tel Aviv und weil ich’s wahrscheinlich einfach wissen wollte, wählte ich die israelische Haus-Airline. Waren die Sicherheitsvorkehrungen dort wirklich so anders? Tatsächlich. Total unvorbereitet wie immer, fand ich mich kurz vorm Check-In-Schalter in einem intensiven Interview bezüglich meiner Reisepläne und meiner Lebensumstände in Berlin wieder. Das eindringliche Gespräch fühlte sich für mich so sehr nach Verhör an, dass ich befürchtete, mein Gegenüber würde mich jeden Moment in einen geheimen Flughafenkerker werfen und dort verrotten lassen. Wegen was auch immer. Tat er aber dann doch nicht. Schweißgebadet musste ich danach mein Gepäck einer intensiven Gepäckkontrolle unterziehen lassen und irgendwann war ich dann doch des Check-Ins würdig. Meine Laune war aber am Boden und ich wäre am liebsten wieder heulend nach Hause gefahren. Ging schon gut los.

Über Jerusalem hatte ich mir vorher nie Gedanken gemacht. Eigentlich sorgte nur der Zufall für diese Reise. So kam ich frühmorgens relativ unbedarft dort an. Relativ erstaunt. Jerusalem ist DAS Zentrum von drei Weltreligionen, die sich bekanntermaßen nicht unbedingt immer mögen. Aber diese Spannung spürte ich in der ganzen Stadt, immer. Schon kurios, wenn man bedenkt, dass alle diese Religionen Liebe und Frieden propagieren.

Die Altstadt Jerusalems besteht zum großen Teil aus kleinen, engen Gassen und an jeder Ecke dieses Gassenlabyrinths glaubt man, die Geschichte der Stadt – ach was, der ganzen Menschheit! – erleben zu können. Wenn diese massiven Mauern nur sprechen könnten. Man kann gut und gerne einen ganzen Tag in der Altstadt verbringen und sich einfach nur treiben lassen. Fast hat man auch keine andere Wahl, denn früher oder später wird einen der eigene Orientierungssinn in dem Gassen-Wirrwarr eh verlassen.

Markante Punkte in der Altstadt, die man sich nicht entgehen lassen sollte

Die Grabeskirche liegt ganz versteckt fast inmitten der Altstadt und würden einem nicht die Kondensstreifen von tausenden hinsausenden Reisegruppen den Weg dorthin weisen, würde man wohl kaum hinter der unscheinbaren Fassade eines der größten Heiligtümer des Christentums vermuten.

An der Stelle, an der später die Kirche erbaut wurde, soll Jesus gekreuzigt worden sein. Und sein Grab soll sich hier befinden. Weil die Grabeskirche daher so ziemlich für jede christliche Glaubensrichtung von Bedeutung ist, zanken sich auch dementsprechend viele Interessengruppen seit jeher um die Grabeskirche. Das hat dann irgendwann dazu geführt, dass die Schlüssel für die Kirche innerhalb einer bestimmten muslimischen Familie weitervererbt werden – morgens und abends kommt dann jemand mit dem Schlüssel und schliesst auf oder zu. Verrückt.

Die Klagemauer mit dem Tempelberg und der goldenen Kuppel des Felsendoms ist wohl einer der bekanntesten Postkartenmotive von Jerusalem, ach, wahrscheinlich auch von Israel. Eine Pilgerstätte des (orthodoxen) Judentums, daher beten hier Männer und Frauen getrennt. Der Zugang ist geregelt, man muss vorher einer der Sicherheitskontrollen passieren. Passender hätte die Szenerie nicht sein können, als plötzlich eine Jugendgruppe auftauchte und alle fröhlich Hava Nagila sangen und im Kreis tanzten.

Die Davidszitadelle neben dem Jaffator bietet nicht nur ein informatives Museum zur Stadtgeschichte, sondern auch einen tollen Blick über die Altstadt. Abends gibt’s innerhalb der Zitadelle auch noch eine Open-Air-Lightshow. Hört sich nach Touristenkitsch an, ist aber vor der einmaligen Kulisse der Festung sehr beeindruckend. (Eintrittspreise und Öffnungzeiten auf der Webseite des Museums.)

Das Jerusalem-Syndrom und ich

Tatsächlich fühlte ich mich während meines Aufenthaltes in Jerusalem von Stunde zu Stunde unwohler. Selten hat mich ein Ort so irritiert. Ob es die Überdosis an Religion war? Ich brach überstürzt zurück nach Hause auf, weil ich nur noch weg wollte. Und dass, obwohl ich mir eigentlich gerne noch mehr angesehen hätte, um mir ein besseres Bild machen zu können. Ich war nämlich anlässlich eines Events dort, der vom örtlichen Tourismusbüro gesponsert wurde, und uns daher eher an Orte führte, die das Gesamtbild von Jerusalem eher unvollständig hinterliessen – ich denke, ihr wißt, was ich meine. Hinter vorgehaltener Hand jedenfalls bekam ich mehrfach den Ratschlag zugeraunt, mir doch auch mal den palästinensischen Teil anzuschauen, der sei ganz anders. Wie dem auch sei, die Stimmung in Jerusalem fand ich so beklemmend – oder besser gesagt meine persönliche Stimmung – dass ich nur wenige Tage in Jerusalem aushielt. Wie mir aber später ein Israel-kundiger Kollege versicherte, sind starke Reaktionen bei Jerusalem-Besuchern nicht unüblich. Die einen haben wundersame Erscheinungen, empfangen irgendwelche spirituellen Botschaften oder kriegen einfach nur die Krise vor lauter Religion, so wie ich. Das Jerusalem-Syndrom bezeichnet eigentlich eine psychische Störung, bei der die Betroffenen an religiösen Wahnvorstellungen leiden – hört sich amüsant an, aber irgendwie geht schon eine seltsame Energie von Jerusalem aus, dass man sich gar nicht mehr wundert, dass manche Menschen so stark auf diese Stadt anspringen.

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Merian Jerusalem*
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