Verschollen im Labyrinth: Der Große Basar von Teheran

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Auf den Basaren tobt das Leben. Tägliche Einkäufe werden erledigt, mit Gold und Schmuck gehandelt, Männer sitzen konspirativ zusammen und mauscheln irgendetwas. Der Iran ist ein Land der Männer, wen wundert’s, und Frauen sind nicht immer ein Teil davon. Ich rücke mein Kopftuch zurecht, unsicher stehen wir vor dem Basareingang, er ist unscheinbar und dunkel. Die Straße ist voller Menschen, wir fallen auf, Ausländer in Teheran, eine Seltenheit.

Willkommen im Iran

Eine Frau kommt zügigen Schrittes auf uns zu, ich erschrecke. Ob wir etwas falsch gemacht haben? Die Fragen sprudeln aus ihr heraus, where are you from, oh Germany!, very nice, wonderful, I have a brother in Düsseldorf, do you know Düsseldorf, do you like Teheran? Und dann das, was ich noch öfter in Teheran hören sollte, meist unterlegt mit einem warmen Lächeln, ausgebreiteten Armen und aus vollster Brust:

Wel-come to I-raaaan!

Schüchtern fasst sie meiner jungen Kollegin, die ihre Tochter sein könnte, ins leuchtend blonde Haar, you are so beautiful, sagt sie lächelnd, und kann sich nicht von uns losreißen. Sie möchte noch mehr von uns wissen, irgendwie das Gespräch am laufen halten, einfach nur einen Moment bei uns verbringen. Mir wird warm ums Herz. Ich bekomme eine Vorahnung, dass Teheran wohl mehr mit mir anstellen wird als nur schöne Fotomotive und den ewig lästigen Kampf mit meinem Kopftuch.

Mitten im Basargewirr: Eine Moschee.

Heimliche Geständnisse

Hinter vorgehaltener Hand flüstert sie mir in ihrem gebrochenen Englisch leise zu: Iran is wonderful country, but politics no good. Too much religion, too much, you know. Mir fallen die Augäpfel aus den Augenhöhlen, wir stehen an einer der belebsten Straßen mitten in Teheran, hier und da Menschen in Uniform, ich habe die wildesten Szenen im Kopf, sowas kann man hier doch nicht einfach sagen? Kann man auch nicht, lässt mich ihr Flüstern vermuten, und ich bin berührt, dass es ihr dennoch ein wichtiges Anliegen war, uns das wissen zu lassen.

Wie viele Kamele kostet ein junges Mädchen eigentlich?

Der Grand Bazaar erstreckt sich über mehrere Häuserblöcke, unterteilt in die einzelnen Branchen, in einer Ecke sitzen die Goldhändler, in der anderen gibt es Haushaltswaren oder Lebensmittel. Die Gänge sind dunkel und folgen keinem System. Es ist ein einziges Labyrinth. Wir teilen uns in kleine Gruppen auf, bevor wir uns eh verlieren, und ich lande mit zwei blutjungen Kolleginnen an einem Nussstand. Ich bin aufgeregt, auf Märkten bin ich immer vorsichtig, die Tasche, die Kamera, und dann noch so fremd, als Frau. Man hört ja so manches. Der Nussverkäufer wittert ein Geschäft und vielleicht noch mehr, und lockt uns in seinen Laden. Zwei weitere Männer tauchen aus dem Nichts auf und schauen uns mit großen Augen an. Die Tür fällt hinter uns zu. Instinktiv drehe ich mich mit dem Gesicht zur Tür und zur Fensterfront, wer weiß, vielleicht kann uns noch jemand retten, wenn die Situation hier kippt.

Aber sie kippt nicht. Ich schäme mich ein bisschen, dass ich schon ausgerechnet habe, für wie viele Kamele wir wohl verschachert werden, wie albern und dumm, während uns der Nussverkäufer interessiert mit Fragen löchert: where are you from, oh Germany!, nice, wonderful country, I worked for a German company, do you know BMW, do you like Teheran?

Der Nussverkäufer hat uns übrigens noch zum Abendessen eingeladen. Zu Hause bei der Familie, ganz gesittet. Ich ärgere mich immer noch ein bisschen, dass ich damals die Einladung ausgeschlagen habe.

Vorsicht auf Reisen ist gut, aber seine Vorurteile in den Wind schießen noch besser.

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