Bordgeschichten: Aus dem Alltag einer Flugbegleiterin.

„Bei euch an Bord passieren doch bestimmt die spannendsten Geschichten, oder?“ gehört definitiv unter die Top 10 der meist gestellten Fragen, wenn andere hören, was ich beruflich mache. In vielen Menschen weckt das irgendwie eine Art der Sensationslust. Wenn ich ehrlich bin, bin ich selbst da nicht viel anders. Als ich mal vor Jahren in einem Seminar von einem Bundespolizisten der GSG9 gelandet bin, habe ich so ziemlich den Großteil des Seminars damit verbracht, mir vorzustellen, wie dieser durchtrainierte, attraktive Typ nahezu täglich in letzter Minute Menschen aus explodierenden Gebäuden rettet, verzweifelte Geiseln in der hinterletzten Ecke von Zentralasien befreit, sich mit blutrünstigen Piraten vor der Küste Somalias anlegt, nebenher mal so die Welt rettet und eigentlich nur per Zufall und im Vorbeigehen in diesem nüchternen Seminarraum gelandet ist. Wahrscheinlich sah die Wahrheit ganz anders aus, genauso wie bei mir.

Bordgeschichten: Aus dem Alltag einer Flugbegleiterin.

Sex & Crime an Bord – die nackten Tatsachen

Wir wollen immer die extremen Geschichten hören, die, in denen richtig was passiert, und am liebsten die, bei denen andere schlecht wegkommen. Ausraster, Prügeleien, Hand auf’m Po, das sind die Stories, die gefragt sind. Sex and Crime läuft halt immer noch am besten. Manchmal überlege ich sogar, mir ein (erfundenes) Repertoire an fiesen Geschichten zurecht zu legen, nur um den Fragenden nicht zu enttäuschen. Man ist ja als Flugbegleiter schließlich immer darauf bedacht zu gefallen und Wünsche zu erfüllen. „Bei euch benehmen sich doch viele total daneben, oder?“ „Ich könnte das ja nicht, mit so vielen nervigen Leuten zu tun zu haben.“ „Da muss man ja bei jedem Blödmann nett sein?“ (Spoiler: Muss man nicht.) Oft wundere ich mich selbst, was andere Menschen für eine Wahrnehmung von meinem Beruf haben – allein den Fragen nach muss mein Alltag schrecklich sein. Gespickt mit hunderten psychopathischen Gästen an Bord. Isser aber oft nicht. Zumindest nicht für mich. Bekomme ich das alles nur nicht mit? Meistens frage ich zurück, warum davon ausgegangen wird, dass sich im Flieger keiner benehmen kann: „Aber du kannst dich doch auch an Bord zusammenreißen und normal ’nen Kaffee bestellen, wieso sollten sich dann andere verhalten wie ’ne offene Hose?“

Z-Promis und die Blacklist

Ja, es passiert ab und zu mal was Spannendes, auch mal Doofes oder Lustiges – und manchmal wird’s auch richtig beschissen. Ich habe auch den ein oder anderen Z-Promi auf meiner persönlichen Gäste-Blacklist, das ist sicher. Aber meine Whitelist ist noch viel länger, und ganz ehrlich, wäre alles immer so aufregend, hätte ich wohl kaum seit 18 Jahren denselben Job. Alles in allem geht es gesitteter zu, als viele meinen, das mag speziell an meinem Arbeitsplatz und den -bedingungen liegen, oder einfach Zufall sein – in jedem Fall bin ich ziemlich froh, dass meine Arbeitstage meist ohne große Zwischenfälle verlaufen.

Bordgeschichten: Aus dem Alltag einer Flugbegleiterin.

Vieles vergesse ich schnell wieder, bei vier oder fünf Legs (=Flüge) am Tag kann man sich ja auch nicht alles merken – aber ich habe glücklicherweise eine Leidenschaft für Notizbücher, in die ich zwischen Tür und Angel alles reinkritzele, was mir im Alltag an Gedanken im Kopf rumwabert. Leider verträgt sich diese Leidenschaft nur schlecht mit meinem nicht vorhandenen Ordnungssinn: In jeder Tasche, jeder Ecke der Wohnung finden sich Notizbücher oder Zettelchen, auf denen ich irgendwann mal etwas festgehalten habe, was ich für festhaltenswert befand. Und ich habe längst den Überblick verloren, wo ich was aufgeschrieben habe. Aber ich bin gerade dem Marie-Kondo-Virus verfallen und frühjahrsputze mich fröhlich durch die Bude und mein Leben. So fand ich letztens ein klitzekleines Büchlein mit einer Begegnung, die ich einmal an Bord hatte, und die mich echt lange beschäftigt hat. Und wenn nicht hier, wo dann, bekommt eine solche Geschichte den passenden Rahmen?

Also dann.

Was mir als Flugbegleiterin so im Flieger passiert: Eine Bordgeschichte.

Heute hatte ich eine ältere Dame an Bord – nein, eigentlich eher eine Omi. Und ich sage „Omi“ mit vollstem Respekt, denn es war eine dieser älteren Damen wie aus dem Bilderbuch, der Prototyp der perfekten Großmutter: Eine Omi, die soviel Wärme ausstrahlt und die alles Übel der Welt einfach mit ihrer Gutmütigkeit und einem Stück selbst gebackenen Apfelkuchen umgehend neutralisieren kann. Da stand sie nun bei uns im Flieger, die Traum-Omi, die 80 schon länger hinter sich, extra vorbeigebracht vom Sonderservice, denn viel Laufen, Treppensteigen und so, war nicht mehr so ihrs. Überhaupt hätte man sie leicht übersehen können, mit ihren ein Meter fünfundvierzig Körpergröße (das war meine großzügige Schätzung) – wäre da nicht diese Ausstrahlung gewesen.

Ich bin wie ein altes Auto.

„Manche Sachen fallen mir halt schwer, das Treppensteigen oder das viele Laufen am Flughafen – ich bin eben wie ein altes Auto!“ Und sie lachte. So leicht und herzlich, wie man nur lachen kann, wenn man wirklich unbeschwert ist und das Herz rein. Überhaupt lachte sie sehr viel. Ich sagte: „Die alten Autos, das sind doch aber die besten!“ und dachte dabei an die Krokodilstränen, die ich vergossen hatte, als ich mein letztes Auto, einen fünfzehn Jahre alten Peugeot zum Schrotthändler bringen musste und mein Herz daran hing, wie auch an meinen anderen ollen Autos, die ich vorher gefahren bin und immer toll fand. Je oller, desto toller.

„Meine Kinder machen sich ja immer Sorgen um mich, wenn ich verreise. Das letzte Mal ging es mir unterwegs für kurze Zeit gar nicht so toll. Dann kam jemand wie Sie und hat mir so lieb geholfen, da war alles wieder gut. Wenn man alt ist, kriegt man auch manchmal Angst, und das ist nicht schön. Aber irgendwie finde ich immer jemanden, der mir hilft. Es gibt ja so viele nette und hilfsbereite Menschen!“ quatschte unsere Omi so vor sich hin, lächelte vergnügt und schaute zum Kollegen vom Sonderservice, dessen Gesichtszüge sich sofort entspannten. Die Omi hatte auch ihn schon längst verzaubert: Extra sorgfältig hatte er sie die Treppen hochbegleitet, wohlwissend, dass hier jemand seine Hilfe wirklich schätzte und vor allem mit Herzlichkeit dankte, nicht so, wie sonst manchmal, wenn uns der Sonderservice Gäste vorbeibringt, die zwar topfit sind, aber angesichts des Gewichts der mitgeschleppten Rollkoffer den Service für Gäste mit Mobilitätseinschränkungen scheinbar mit einem Gepäckservice verwechselt haben und ein Dankeschön trotzdem für überflüssig halten. Dass ihr immer geholfen wird, glaubte ich ihr gern – jedes noch so harte Betonherz würde bombardiert mit ihrem Charme und ihrer Unbeschwertheit sowieso dahinschmelzen.

Schokolade ist die beste Medizin

„Ich kann machen, was ich will, meine Kinder sorgen sich trotzdem. Die mögen mich nämlich sehr“, sagte sie bestimmt. „Noch.“ Und kicherte.

„Ach, ich glaube, das wird auch bestimmt noch lange so bleiben, ein Familienmitglied wie Sie muss man doch einfach lieb haben!“ sagte ich und meinte es aus vollster Überzeugung. Ich konnte nicht anders, ein bisschen neidisch auf diese Familie war ich schon, ohne sie näher zu kennen. Ich wette, die Kinder, Enkel, Urenkel und alle, die da sonst noch dranhängen, sind bestimmt auch nur nett und wohlgeraten.

„Wissen Sie, ich bin die Kleinste und die Älteste in meiner Familie!“ Die Kleinste, die Älteste – und die mit der größten Ausstrahlung, dachte ich insgeheim. Wir lachten. „Leider habe ich ein bisschen Probleme mit dem Herzen, das Alter, wissen Sie, dagegen muss ich dann immer Schokolade essen. Aber nur zwei kleine Stücke! Die ganze Tafel schaffe ich nicht“, zwinkerte sie mir schelmisch zu und grinste. Ich musste laut lachen. Ohne dass ich es gemerkt hatte, hat unsere Omi auch mein Herz klammheimlich erobert. „Da haben Sie aber eine schlimme Medizin verschrieben bekommen“, witzelte ich und kam aus dem Lachen nicht mehr raus. Wie eine kurze Begegnung doch so gute Laune entfachen kann.

Das Lachen lasse ich mir nicht nehmen!

„Sie lachen ja so schön! Das mache ich auch gerne. Ich sage Ihnen: Auch wenn ich jetzt so alt bin, und vieles nicht mehr gut klappt – das Lachen, das lasse ich mir nicht nehmen! Auf gar keinen Fall!“

Ich war begeistert von dieser bemerkenswerten Frau, so voller positiver Energie und Lebensfreude. Wir verstanden uns, kein Zweifel. Aber dann sah sie mich plötzlich zum ersten Mal sehr ernst und eindringlich an:

„Wissen Sie, was ich mich immer frage? Im Fernsehen, da zeigen sie immer nur die schlechten Menschen, jeden Tag, und was die alles Schlimmes machen, immer und immer wieder – dabei ist die Welt doch voll mit guten?“

Und genau deswegen erzähle ich Fremden ungerne Geschichten, bei denen sich irgendwelche Leute an Bord daneben benommen haben – das wäre nicht fair.

Denn eigentlich ist die Welt voll mit Guten.

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