Chicago: Die windige zweite Stadt

Mittlerweile bin ich von meinem mehrmonatigen Ausflug auf die Langstrecke wieder zurück und kann sagen: So sehr ich auch gern reise, in meinem Job als Flugbegleiter ist das nix für mich. Ich hab’s lieber klein, kurz und kuschlig. Und ich komme mal dazu, die letzten Monate Revue passieren zu lassen – da hatte ich in den letzten Monaten zwischen Berlin, Tokyo, New York keine Zeit für. Fliegen als Beruf kann nämlich ganz schön zeitintensiv sein. Erst recht, wenn man wie ich unterwegs immer alles sehen muss. Wie auch in Chicago.

Chicago an einem halben Tag

Mein Talent zum Speed Sightseeing habe ich zwar fast zur Perfektion gebracht, aber ein halber Tag in Chicago mit Jetlag im Kopf war eine echte Herausforderung. Ich erkunde Städte ja gerne zu Fuss oder mit dem Rad (wenn es denn geht). Aber in Layovern nach Langstreckenflügen hat mich dann immer mehr nach faulem Herumgefahrenwerden gelüstet – so dass ich oft in irgendwelchen roten Hop-On-Hop-Off-Touristenbussen endete. Von Chicago wusste ich eigentlich nix – und hatte als nicht besonders großer USA-Fan wahrscheinlich auch kein großes Interesse das zu ändern. Nur: Chicago ist halt echt geil.

Dass Chicago so unterbewertet wird, ist wohl nix Neues. Sagt auch Chicagos Spitzname: The Second City. Second, weil immer im Schatten von New York. Irgendwie schlagen Chicago und New York ja auch in dieselbe Bresche: Große Stadt, geschichtsträchtig (für amerikanische Verhältnisse), riesige Wolkenkratzer. Aber irgendwie eben nix Markantes, was wirklich jeder in der Welt kennt: kein Empire State Building, keine Freiheitsstatue, kein Big Apple. Oder fällt Dir spontan was zu Chicago ein? Und dabei hat Chicago so viel zu bieten! Ein See, der eigentlich mehr Meer ist als See. Die berühmte Pan Pizza (von der ich kein Stück probiert habe, eine Schande!). Gangsterstories aus alten Zeiten. Kunst! Kunst! Kunst! Und: Architektur. Und die guckt man sich am besten im Rahmen einer Bootstour an.

Chicagos Architektur vom Schiff aus

Ich hatte es ja schon angedeutet: Die Langstrecke macht sightseeingfaul. Wie soll man sich auch noch fortbewegen, wenn man in zweieinhalb Tagen einmal um die halbe Welt fliegt, und den Großteil mit Arbeit verbringt. Für Chicago kann ich daher wärmstens eine Bootstour empfehlen. Bei gutem Wetter natürlich. Das in Chicago zugegebenermaßen auch etwas übel werden kann – denn Chicago hat noch einen anderen Spitznamen: The Windy City. Und der Wind dort kann einen ganz schön umhauen. In unserem Fall hat der Chicago-Wind nur die letzten Wölkchen weggefegt und uns mit wirklich absolut fantastischem megablauem Himmel belohnt! Kein Wunder, dass meine Begeisterung für Chicago sofort entflammte.

Der blaue Himmel eignete sich auch wunderbar für tolle Fotospielchen am Cloud Gate im Millennium Park. Auch “The Bean” genannt, weil die Skulptur aussieht wie ‘ne Bohne. Und weil The Bean komplett aus blank poliertem Edelstahl besteht, spiegelt sich bei gutem Wetter einfach alles darin. Faszinierend. Der Millennium Park ist übrigens noch voll mit anderer Kunst, mit mehr Zeit hätte ich mir wahrscheinlich noch viel mehr angesehen.

Die Bootsfahrt lockte. Und enttäuschte nicht. Wir wählten eine Architektur-Bootsfahrt mit dem Schwerpunkt auf – na? – Gebäude. Hört sich vielleicht schnarchig an, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich mich so mit den einzelnen riesigen Wolkenkratzern befasst hätte, wenn ich einfach nur mit Nackenstarre vom Hochgucken durch die Straßenschluchten getigert wäre. Viele der Gebäude sind einfach imposant, war Chicago doch vor über hundert Jahren die Wiege der Wolkenkratzer. Von wegen New York! Ha!

Auf die “Hätte-ich-mehr-Zeit-gehabt”-Liste musste dann leider auch eine Fahrt rauf auf den Willis Tower – das wäre noch der krönende Abschluss gewesen: Ein Blick über diese geniale Stadt. Aber mehr anderthalb Stunden Wartezeit war doch zuviel. Wochentags soll übrigens weniger los sein. (Wir waren sonntags da.)

Kleine Anekdote zum Schluss: Auf der Rückfahrt zum Hotel schwärmte uns unser Fahrer von seiner Heimatstadt Chicago vor, und uns wurde klar, wieviel wir trotz des tollen Tages nicht von der Stadt gesehen haben. Mit Hingabe zählte er alle Attraktionen von Chicago auf. Nix von alldem kam uns bekannt vor. Bis wir am Buckingham-Brunnen vorbeifuhren, einem riesigen freistehenden Brunnen, sofort sangen wir als Kinder der 90er die Titelmusik von “Eine schrecklich nette Familie” – und unser Fahrer konnte es nicht fassen, dass sich von seinem Chicago bei uns in Deutschland nur Al Bundee ins Gedächtnis gebrannt hat.

Tipps: 

Die Architektur-Bootstour kann man vor Ort oder auch online buchen:
Chicago Architecture Foundation

Durch Chicago führte mich dieser Reiseführer: 
CityTrip Chicago

 

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